Straßen aus Zucker in Köln
KategorienFotografie

Stephan Strache und sein Fotoprojekt „Straßen aus Zucker“ in Köln

Stephan Strache ist Fotograf aus Köln. Unsere Wege haben sich schon das ein oder andere mal gekreuzt, so richtig habe ich seine fotografisches Schaffen aber nicht analysiert. Ein Fehler, wie ich im Rahmen des Kwerfeldein Bildbesprechungs-Live-Streams feststellen musste. Dort präsentierte Stephan nämlich ein paar Ergebnisse seines neusten Fotoprojekts namens Straßen aus Zucker Köln, dass er gerade ins Leben gerufen hat und wo er auch andere Kölner Fotografen und Fotografiebegeisterte einlädt, die Geschichten ihrer Lieblingsstraßen in Köln zu erzählen. Das was Stephan bis her produziert hat, ist dabei so vielseitig und interessant, dass ich mit ihm über das Projekt sprechen musste und ihn sofort zum kleinen Interview einlud. Er willigte zum Glück ein, sodass ich Euch hier nun ein weiteres wunderschönes Kölner Veedel Fotoprojekt vorstellen kann.

Hallo Stephan, schön, dass Du dir Zeit für dieses kleine Interview genommen hast. Wir haben uns tatsächlich lange nicht mehr gesehen, wie geht es dir gerade?

Hi Ben, erst einmal vielen lieben Dank für dieses Interview. Dein Interesse an Straßen aus Zucker freut mich sehr.

Es ist ein seltsam surreales Jahr. Dabei hilft der Blick über den Tellerrand mir sehr, wertzuschätzen und anzuerkennen, wie gut es einem hier doch geht. Was für ein Glück man hat, zu Zeiten einer globalen Pandemie hier in Deutschland zu leben. Diese Erkenntnis relativiert vieles und hilft mir, diese Zeit auch als Chance zu betrachten, Zeit zu haben, um neue fotografische Projekte zu entwickeln und freie Strecken zu verwirklichen. Bei aller Relativierung bleibt aber Angst um Kultur und Gastronomie. Vieles was ich vor Corona so schätzte, existiert aktuell wenn überhaupt nur in einer „abgespeckten“ Version. Ich versuche den Vergleich mit dem „Vorher“ dabei zu vermeiden und mich vielmehr an dem zu erfreuen, was geht. Ich hoffe, dass es reicht, dass Kultur und Gastronomie es durch kreative Lösungen (und notwendige Förderung) durch diese Krise schaffen.

Wie Du in meiner Einleitung wahrscheinlich schon gelesen hast, hast du mich mit deinen Bildern für „Straßen aus Zucker Köln“ wirklich sehr angefixt. Erzähl doch mal, wie Du auf die Idee zu dem Projekt gekommen bist?

Es freut mich unheimlich, dass Dir die Arbeiten so gefallen. Wie schön!
Die Idee für das Projekt Straßen aus Zucker hat mehrere Wurzeln:
2017 arbeitete ich erstmals mit A Stranger A Day an einem Langzeitfotoprojekt. Es folgten weitere – teilweise noch nicht veröffentlichte – Langzeitprojekte. 2019 fotografierten meine Freundin Maike und ich  Kölner Veedelkalender (bisher für vier Kölner Veedel: Ehrenfeld, Mülheim, Nippes und die Südstadt). Die Kalender schulten unsere Augen für Motive jenseits der bekannten Ecken und ließen uns tiefer in einzelne Veedel abtauchen.

Mitte diesen Jahres stolperte ich dann dank des Fotografen Franz Grünewald über das Projekt Stadtschreiber Berlin. Hier übernehmen Berliner Fotografen den Instagramkanal Stadtschreiber Berlin, um dort dann einen begrenzten Zeitraum lang für individuellen berlin-spezifischen Content zu sorgen. Franz Grünewald portraitierte dafür die Berliner Kant Straße. Dank dieser Inspiration wuchs mein Wunsch, hier in Köln ein ähnliches Projekt zu starten. Im August ging Straßen aus Zucker mit dem Portrait der Kalk-Mülheimer Straße online. Ich startete das Projekt mit dem Wunsch anhand einzelner Straßen die ganze Stadt Köln zu portraitieren und dabei möglichst viele Kölner mitwirken zu lassen. Mal schauen, was final aus diesem Wunsch wird…

„Straßen aus Zucker“ hat dabei eine besondere Bedeutung bzw. Referenz. Für die, die den Kwerfeldein Livestream nicht gesehen haben: Was hat der Titel zu bedeuten?

Der Projektname Straßen aus Zucker hat zwei Paten:
Zum einen das gleichnamige, politische Magazin („Die Bravo unter den antinationalen Blättern. Gegen das Böse in der Welt“) als politisches Statement, zum anderen das Lied Mindestens in 1000 Jahren von Frittenbude („Wir woll’n die Freiheit der Welt und/Straßen aus Zucker“). Diese Hymne Kulturschaffender gewichtet Idealismus höher als kapitalistische (Markt)Strukturen. Brennt man für das, was man tut, tut man es gut und der Erfolg gesellt sich automatisch dazu. Mit beiden Paten schenkte ich dem Projekt ein ideele, moralische Heimat.

Du bist selbst Fotograf. Mit großer Leidenschaft für die Fotografie und überlegst dir immer wieder Projekte, wie z.B auch „A Stranger A Day“ – was fasziniert Dich an fortlaufenden Fotoprojekten?

Ich mag es, mich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen. Mich lange damit zu beschäftigen, erlaubt mir, es Teil meines Alltags werden zu lassen. Das steigert meine Identifikation und ich tauche tiefer ein.
Natürlich funktioniert das nicht immer. Es gibt auch genügend Projektideen, bei denen es final nicht über die lose Idee reicht. Aber auch das hilft und führt teilweise zu Inspiration für andere Arbeiten.
Fortlaufende Projekte erlauben mir mein eigenes Tempo, verzeihen Tagesform und helfen mir, „analog“ zu denken.

Bei „Straßen aus Zucker“ ist das Ganze noch etwas anderes. Es ist ja – wenn ich es richtig verstanden habe – nicht „Dein“ Projekt. Sondern du rufst explizit auch andere dazu auf, ihre Straßen zu dokumentieren und an dem Projekt teilzunehmen. Was reizt dich an dieser Idee?

Genau, Straßen aus Zucker ist nicht ausschließlich mein Projekt. Neben dem, was ich fotografisch beitrage, sehe mich als Initiator und Kurator. Vielleicht trifft es das Bild „mein Kind“ am besten. Kinder muss man loslassen können, sie brauchen andere Einflüsse als die Eltern.
Auch wenn ich Anfang September erst einmal das Fotografieren für Straßen aus Zucker vermisst habe, war ich glücklich und neugierig, wie jemand anderes (in diesem konkreten Fall Anna) ihr Portrait „ihrer Straße“ angeht. Und genauso aufgeregt und vorfreudig war ich nun beim Wechsel von Anna zu Daniel. Durch das Konzipieren als Langzeitprojekt unterschiedlichster Fotografen bekommt Straßen aus Zucker eine Diversität, die ich selbst nicht zu leisten im Stande wäre. Ich finde das unheimlich interessant und spannend und hoffe, anderen geht es genauso.

Ist dir eine einheitliche Bildsprache dann wichtig? Sodass das Projekt harmonisch wirkt, oder kann wirklich jeder mit seinem ganz individuellen Bildlook teilnehmen?

Für meine eigenen Arbeiten ist mir eine einheitliche Bildsprache (zumindest projektbezogen) sehr wichtig. Straßen aus Zucker lebt aber von der Diversität. Hier finde ich individuelle Herangehensweisen und unterschiedliche Bildästhetik spannend. Köln ist ja auch alles andere als eine homogene Stadt. Das darf sich dann gerne auch im Projekt wiederspiegeln.

Du bist für das Projekt auf die Kalk-Mülheimer Straße gegangen. Eine sehr lange Straße. Welche Verbindung hast Du zu Dieser Straße und warum hast Du sie ausgewählt?

Die Straße verbindet Kalk mit Buchforst. Sie ist gut 2 Kilometer lang. Eigene Verbindung zu ihr wäre zu hoch gegriffen. Ich wählte die Straße aber bewusst aus mehreren Gründen:

Die Kalk-Mülheimer Straße ist wohnortnah genug, so dass ich relativ bequem viel Zeit dort verbringen konnte. Trotzdem war sie vorab nicht so präsent bei mir, dass ich vor Projektstart bereits viele „konkrete Motive“ im Kopf gehabt hätte. Vielmehr erhoffte ich mir der Straße möglichst unvoreingenommen zu begegnen. Damit mir auf keinen Fall die Motive ausgehen können, wählte ich eine längere Straße. Auch war mir wichtig eine „lebendige Straße“, kein reines Wohn- oder Industriegebiet zu wählen. Zu guter Letzt wollte ich der durchweg negativen medialen Wahrnehmung dieser Straße mit dem Projekt auch etwas „Positives“ entgegensetzen. Es gibt nicht nur „gut“ und „schlecht“, sondern viele Abstufungen dazwischen.

Gab es eine Begegnung während deiner Fotowalks über die Kalk-Mülheimer Straße die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist und warum?

Eine einzelne Begegnung hervorzuheben, täte der Straße (und ihren Menschen) unrecht. Generell blieben mir aber diejenigen Momente, in denen ich meine eigene Komfortzone verließ (sei es beim Kampfsporttraining, in der Shisha Bar oder im Barber Shop), am eindrucksvollsten in Erinnerung. Ob das nun mehr mit mir oder meinen Begegnungen zu tun hatte, weiss ich nicht. Mein Monat auf der Kalk-Mülheimer Straße war aber auf jeden Fall voll von Anekdoten und schönen Begegnungen. Alleine dafür bin ich dem Projekt sehr dankbar.

Neben vielen Stilleben und Momentaufnahmen hast Du auch sehr ausdrucksstarke Portraits gemacht. Gerade die beeindrucken mich in der Abwechslung mit den anderen Motiven sehr. Wie hast Du die Menschen angesprochen und für das Projekt gewinnen können?

Begeisterung kann anstecken. Ich hatte keine zurecht gelegten Sätze oder klare Strategie. Anfangs versuchte ich es eher konzeptionell, rief in Läden an, schrieb sie per Mail an oder schaute persönlich vorbei. Das fruchtete jedoch nur bedingt. Erst als ich davon losließ, alles planen zu wollen und meinen Monat auf der Kalk-Mülheimer Straße eher als Reise begriff, auf der ich mich treiben lassen kann, kam ich in Fluss. Die Leuten fanden mich. Menschen, die ich traf, kannten wieder andere, die ebenfalls eine Geschichte mit der Straße verband. Und umso präsenter ich auf der Straße war, umso mehr fassten die Bewohner auch Vertrauen zu mir.

Planst Du in Zukunft auch noch selbst weitere Straßen abzufotografieren oder willst Du erstmal die Resonanz abwarten? Wenn Ja, welche Straßen interessieren dich in Köln noch und warum?

Erst einmal gibt es erfreulicherweise eine ganze Menge toller, spannender und phantastischer Fotografen aus Köln, die Straßen aus Zucker die kommenden Monate bereichern werden. So schnell ist mein erneutes Mitwirken daher erst einmal nicht nötig. Mein Monat machte mir aber andererseits so viel Spaß, dass ich gerne später nochmals eine andere Straße für dieses Projekt portraiteren mag. Da bin ich mir ziemlich sicher. Wann genau und welche Straße, weiß ich aber jetzt noch nicht.
Projektunabhängig bin ich mit der Kalk-Mülheimer Straße noch nicht fertig. Während ich dort fotografierte, wurde mir erzählt, dass es 2021 ein städtisches Projekt über diese Straße geben soll. Aktuell schauen wir, ob und wie sich dabei vielleicht eine Kooperation verwirklichen lässt.
Auf Anregung von Reaktionen anlässlich der kwerfeldein-Bildbesprechung baue ich ggf. diese Serie die kommenden Monate auch unabhängig davon noch aus. Mal schauen…

Als Kölner, der du ja bist, was erhoffst Du dir von dem Projekt?

Groß gedacht, glaube und hoffe ich, dass durch das Mitwirken so vieler Fotografen, ihren unterschiedlichen Handschriften, Ideen und Herangehensweisen mit der Zeit ein wunderbar diverses und spannendes Portrait Kölns entsteht. Idealerweise entwickelt sich bei einem spannenden Projekt über die Zeit ja auch eine gewisse Eigendynamik. Kleiner gedacht erfreue ich mich aber bereits jetzt sehr, über die individuelle Sicht anderer Fotografen auf „ihre Straße“, sehe nun andere Straßen aus ihren Augen. Voll schön! Daneben genieße ich sehr den Austausch mit den anderen Teilnehmern.

Glaubst Du es würde auch in anderen Städten genauso gut funktionieren? Oder ist zum Beispiel Berlin dann schon einfach zu groß?

Franz Grünewald hat ja bereits gezeigt, dass es in Berlin auch gut funktionieren kann. Generell ist Köln aber prädestiniert für ein solches Projekt. Seine Veedelstruktur und die schon fast klischeehafte offene Art der Kölner passt gut dazu. Auch ist bei den Kölnern einfach ein großes, gewachsenes Interesse an der eigenen Stadt vorhanden. Funktionieren müsste das Projekt aber in jeder etwas größeren Stadt.

Unglaublich spannendes Projekt, was selbst mir als Lokalpatriot noch einmal ganz neue Seiten und Einblicke gewährt. Ich verspreche Dir ich werde das Projekt weiter verfolgen und bin bereits gespannt auf die nächsten Straßenzüge und Fotos. Zum Abschluss: Noch ein paar Worte an die Welt? Was würdest Du gerne loswerden?

Erst einmal Danke, dass ich hier Straßen aus Zucker so ausführlich vorstellen durfte. Das freut mich sehr! Wenn Ihr noch Fragen habt, schreibt mir gerne. Und falls jetzt jemand von Euch Lust hat, selbst eine Kölner Straße für Straßen aus Zucker zu fotografieren, meldet Euch einfach!

Schließen möchte ich mit ein paar Zeilen von Frittenbude:

„Wir woll’n die Freiheit der Welt und
Straßen aus Zucker
Schneien solls Geld und
Ab und zu Futter
Für Kanonen aus Plastik
Auf Panzern aus Watte
In 1000 Jahren sind wir Klassik
Selbst wenn wirs maßlos verkacken
Ziehn wir unser Ding durch
Nur Spass muss es machen“

Frittenbude – Mindestens in 1000 Jahren Songtext

In diesem Sinne, macht, was Euch bewegt, wofür Ihr brennt!

Vielen Dank Stephan, für deine Zeit und die Einblicke! Bis ganz bald. Bleib gesund!

Alle hier gezeigten Bilder wurden von Stephan Strache gemacht. Und unterliegen dem Urheberrecht. Copyright © Stephan Strache mit freundlicher Genehmigung.


Das Projekt und weitere Fotos findet ihr auf dem Instagram-Account von Straßen aus Zucker Köln. Außerdem findest Du Stephan unter @lostinamoment auf Instagram. Und zur Website von Maike und Stephan geht’s hier.

Veröffentlicht von Ben

Ich bin Ben und ich bin 1990 in Köln geboren. Seit 2015 lebe und arbeite ich als Fotograf und Fotoblogger in Köln. Seit 2016 betreibe ich mein eigenes Fotostudio als Büro, Kreativort und Treffpunkt für Fotografie-Liebhaber. Ich fotografiere Reportagen und Portraits. Überwiegend von Künstlern und Marken. Hinweis: Dieser Blog wird klimaneutral in Deutschland gehostet.

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