Mein "Auf ein Kölsch" Projekt
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Wie ich eigentlich auf die Idee zu „Auf ein Kölsch“ gekommen bin?

Witzig, dass du fragst. Bin mir zwar ziemlich sicher, dass ich das schon sehr oft erzählt habe, aber vielleicht tue ich dir ja auch Unrecht 😉 Und wenn ich ehrlich bin, wollte ich das schon ganz lange mal ganz offiziell niederschreiben. Für mich und mein vielleicht älter werdendes Gedächtnis. Ich warne dich aber vor, das wird ein etwas längerer, textlicher Ausflug.

Vornweg: Es handelt sich um ein Gedächtnisprotokoll, kein Anspruch auf Richtigkeit.

Es war einer dieser verregneten Sommertage in Köln. Ich hatte gerade den Mietvertrag unterschrieben und war mit meiner Mutter auf dem Rückweg in die alte Heimat im Bergischen Land. Sie fuhr und ich blickte relativ ausdruckslos aus dem Fenster. Es wurde ernst, der Auszug von Daheim sollte endlich Wirklichkeit werden. Ich war schon 23 Jahre alt und somit auch eher ein Spätzünder. Auch wenn es ausgesehen haben muss, als würde ich verträumt dem Regen dabei zuschauen, wie er durch den Fahrtwind auf der Autobahn horizontal über die Seitenscheibe lief.

Aber in meinem Kopf ratterte es rauf und runter. Ich überlegte, wie ich in die „Stadt starten“ wollte. Mir war klar, dass ich ein Projekt brauchte, eine Beschäftigung. Etwas, was mir das Kennenlernen der Stadt erleichterte. Den Spaß mit der Arbeit verbinden. Etwas mit Fotografie, etwas mit Menschen. Das war es, was mich irgendwie anzog. Zuvor hatte ich ausschließlich für meinen Blog fotografiert. Strecken, Portraits und viel Produkte. Jetzt wollte ich die neugewonnene Freiheit nutzen. Zu der Zeit konsumierte ich viele Blogs. Damals starteten Fotografen noch Fotoblogs für Projekte und ich fand große Begeisterung in Projekten wie „We Are Traffic“ aus Hamburg. Von den Kollegen Björn Lexius und Till Gläser. Aber auch Martin Neuhof aus Leipzig, mit seinen 101 Helden inspirierte mich. Beide Projekte liefen schon mehrere Jahre und ich überlegte, ob ich nicht auch ein passendes Thema für Köln finden würde. Etwas, dass ich über Jahre hinweg bespielen könnte.

Die Kölner und das Kölsch

Wieso sollte es mir anders gehen, als anderen? Auch ich kam relativ schnell zu dem Thema Köln und Kölsch. Eine der größten Städte des Landes, ein Dialekt, der den selben Namen trägt, wie das regionale Nationalgetränk. Mit über 100-jähriger Tradition. Zu dem Zeitpunkt hatte ich gar keine große Kölsch-Affinität. Ich kam vom Land, verbrachte meine Jugend zwischen Garten-Partys und Schützenfesten. Wo es meist nur lau-kaltes Zunft-Kölsch gab, was neben der Garage gelagert wurde und ich deswegen mit Beginn der ersten 18. Geburtstagen einfach meinen eigenen vorgekühlten Vodka mitbrachte. Aber die Chance in einer Stadt zu leben, dessen Dialekt den selben Namen wie das örtliche Bier trägt, ist weltweit eine Besonderheit.

Also schloss ich mit dem Gedanken ab, dass ich das mit dem Kölsch schon hinbekommen werde. Noch auf der Autobahn entschied ich, dass das Projekt also den Namen „Auf ein Kölsch“ tragen sollte, zückte mein Smartphone und gab die Anfrage in den Domaincheck ein. Mit leichter Verwunderung stellte ich fest, dass die Domain noch frei war und registrierte noch am selben Abend vom Rechner daheim.

Was macht ein Format wie „Auf ein Kölsch“ aus?

Ein Name ist meist die halbe Miete, jetzt wo die Domain registriert war, folgten ein paar schlaflose Nächte. Ich schaute mir die Fotoprojekte von Kollegen an und versuchte herauszufinden, was ein Format von der Länge und einer eigenen Website brauchte. Ich entschied mich für die folgenden Grundpfeiler.

Ein Fotoprojekt brauch eine Galerie

Primär sollte es um Fotos gehen. Da ein Foto meist langweilig ist, schoss ich mich auf fünf Fotos ein.

  • Ein Portrait des Gastes
  • Eine Außenaufnahme der Lokalität
  • Ein Anstoßfoto – damit wollte die Betrachter-Ebene durchbrechen
  • Eine Produktfoto vom Kölsch
  • Stimmungsbild aus der Lokalität

Vergleichbarkeit der Folgen

Was mich persönlich an fortlaufenden Projekten interessiert, die sich um Menschen und Persönlichkeiten drehen, ist eine gewisse Vergleichbarkeit. Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten hervorhebt. Also entwickelte ich 7 Formfragen, die jeder Gast schriftlich zu beantworten hatte. Sie drehten sich in erster Linie um die persönlichen Erfahrungen und Assoziationen mit dem Kölsch als Getränk und der Stadt als Lebensort. Aber auch plakative Fragen, wie der nach der Lieblingsmarke.

Die harten Fakten

Gleichzeitig dachte ich mir, dass es sich lohnen könnte, die „harten Fakten“ zu dokumentieren. Zum einen, weil das Projekt online veröffentlicht wurde, was dazuführt, dass es eine Zeitdokumentation ist. Zum anderen, weil sich damit auch eine Art Archiv bilden könnte. Die harten Fakten setzen sich dabei aus den Rahmenbedingungen zusammen. Wo? Was? Und wie teuer? Der BigMac-Index brachte mich auf diese Idee, warum nicht eine Art Kölsch-Preis-Index ins Leben rufen? Also wurde jede „Auf ein Kölsch“ Folge mit den folgenden drei Fakten abgeschlossen:

Wo fand das „Auf ein Kölsch?“ statt. Egal, ob in einer Lokalität, am Rhein oder auf der privaten Dachterrasse
Welches Kölsch wurde Getrunken? Gaffel, Reissdorf, Mühlen etcpp?
Und wie teuer war das Kölsch? Aus der Flasche, aus dem Glas…

Die Google Map

Da ich nun einmal viel Zeit mit Websites verbrachte, wollte ich, dass die „Auf ein Kölsch“ Projektseite schön und modern ist. Ich schaute mich also schon vorher nach Möglichkeiten um, Maps interaktiv einzubinden und fand sie auch. Irgendwie fande ich es symaptisch, wenn Leser des Projekts auf einer echten Stadtkarte den Ort des Treffens nachvollziehen konnten. Für den Fall, dass sie dort einfach auch mal ein Kölsch trinken wollten.

Die Geschichte des Menschen

Fluch, Segen und gleichzeitig auch großes Herzstück war natürlich die Geschichte des Menschen, mit dem ich den Abend verbrachte. Was motiviert ihn, was treibt ihn an. Mir war klar, dass man an einem Abend, egal wie lang er auch gehen würde, einer ganzen menschlichen Persönlichkeit nicht gerecht werden könnte. Trotzdem gab ich mein bestes. Ich packte meine ganze Blogger-Erfahrung hinein und schrieb auf die persönlichste Art und Weise, wie ich Menschen kennenlernte. Was den Abend ausmachte, wie lang er ging. Die Sorge, dass es Treffen geben würde, die uninteressant sein würden, gab es erst gar nicht. Ich war mir ziemlich sicher, dass Menschen, die Bock auf so Projekte haben, auch etwas zu erzählen haben. Der Verlauf des Projektes sollte mir recht geben. Diese persönlichen Nacherzählungen der Abende wurden gleichzeitig auch zum aufwendigsten Teil des Projekts. Zwischen einer und zwei Seiten wurden sie im Durchschnitt lang und betonten stets das, was mir am meisten im Gedächtnis geblieben war. Häufig bis immer schrieb ich sie am nächsten Tag mit leichtem Kater.

Auf ein Kölsch mit Lina

Lass die Gäste entscheiden

Als all das in meinem Kopf gereift war, wurde es langsam ernst. Ich guckte mir meine Ideen an und war überzeugt, wirklich überzeugt, dass das ein ziemlich rundes Projekt ist. Weil Kaltstarts schwierig sind, baute ich also die Seite und dokumentierte ein Essen mit Teymur in dem Stil, wie ich das Auf ein Kölsch gerne fotografieren würde. Es war ein ganz normales Mittagessen und Freunden. Teymur war damals einer der ersten Menschen, die ich in Köln kannte, weil wir uns vorher schon im Internet über den Weg gelaufen waren. Mit diesen Fotos aus einem Chinesischen Restaurant baute ich ein erstes gefaktes „Auf ein Kölsch!“. Diesen passwort-geschützen Link schickte ich dann fünf Freunden, von denen ich wusste, dass sie in Köln wohnten und die ich länger nicht gesehen hatte und fragte sie, ob sie mitmachen wollen. Alle fünf sagten „Ja“. Dabei kam mir die beste Idee, die ich für dieses Projekt haben konnte: Ich ließ sie vorschlagen, wo sie gerne Kölsch trinken wollten. Die Antworten waren genau so unterschiedlich, wie ich es mir gewünscht habe. Keine der vorgeschlagenen Kneipen kannte ich, an keinem Ort der im öffentlichen Raum lag, bin ich vorher schon mal gewesen.

Also ging es los. Jede Woche versuchte ich ein „Auf ein Kölsch“ Treffen zu verabreden, zu dokumentieren und online zu stellen. Als die ersten fünf im Kasten waren, brachte ich die Website online und führte das „Mittrinken“-Formular ein, über das sich jeder Kölner bewerben konnte. Die meiste Zeit, saß ich am Ende also mit mir vollkommen fremden Menschen und mir unbekannten Lokalitäten und quatschte mit ihnen über Köln, Kölsch und das Leben.

Was daraus entstand

Insgesamt 50 Auf ein Kölsch Folgen veröffentlichte ich von 2015 bis 2017. Es folgte eine Ausstellung zur Museumsnacht in Köln und eine Ausstellungs-Tour durch 6 verschiedenen Szenekneipen, die zur Daueraustellung in der Stapel.bar in Ehrenfeld führte.

Der Rest ist digitale Geschichte.

Mein persönliches Fazit

Das schöne an Projekten ist ja, dass man sie jederzeit wieder aufnehmen kann. Jetzt nach fast 3 Jahren Pause, habe ich wieder richtig Bock auf dieses Projekt. Und wenn ich so an die Zeit zurückdenke, fällt mir auf, wie viel ich diesem Projekt verdanke. In kürzester Zeit habe ich eine bis dahin fremde Stadt kennengelernt. Viele der Menschen, die bei dem Projekt mitgemacht haben, sind heute noch im Bekanntenkreis unterwegs. Einige wurden richtig gute Freunde.

Und was besonders selten ist: Aus heutiger Sicht würde ich nichts anders machen wollen. Es ging ein wenig auf meinen Schlaf, ein wenig auf meinen Geldbeutel und auch ein bisschen auf die Gesundheit. Aber die Vorteile überwiegen in meinen Augen mit schwerem Übergewicht 😉

Nachtrag zum Thema Kooperationen

Als ich das Projekt begann, schrieb ich auch Martin an. Ob er mir Tipps geben könnte, was ich beachten sollte. Zum Beispiel die Vorproduktion, damit regelmäßig Beiträge online gehen würden. Habe ich mir zu Herzen genommen, aber nie geschafft. Witzigerweise meinte er damals direkt, dass er das Projekt cool findet und dass es sich im Vergleich zu seinen vielleicht sogar besser vermarkten ließe. Irgendwie dachte ich das auch. Die Realität sah aber anders aus. Lediglich eine E-Mail der Gaffel Brauerei flatterte irgendwann während der Projektzeit mal in Form einer Bewerbung bei mir ins digitale Postfach. Ein, zwei Jahre später wollte ich das Projekt nochmal vergrößern und schrieb alle anderen Kölner Brauereien an, ob sie nicht Lust hätten, das Projekt auch zu supporten. Von denen lediglich Früh und Reissdorf antworteten. Beide mit der Aussage, dass sie das Projekt leider nicht unterstützen könnten, weil ja auch andere Kölschsorten außer der eigenen Getrunken würden.

Deswegen ist die Gaffel Brauerei bis heute der einzige Supporter des Projekts, der Veranstaltungen mit Gläsern, Logistik, Netzwerk und Ware unterstützt, ohne ein einziges Mal in den Inhalt des Projektes reingeredet zu haben.

Ob ich das traurig finde, dass lediglich die Gaffel Brauerei etwas mehr in diesem Projekt sieht? Nein, auf gar keinen Fall. Ob ich das aus Sicht des Brauerei-Marketings der anderen Brauereien engstirnig finde? Auf jeden Fall!

Veröffentlicht von Ben

Ich bin Ben und ich bin 1990 in Köln geboren. Seit 2015 lebe und arbeite ich als Fotograf und Fotoblogger in Köln. Seit 2016 betreibe ich mein eigenes Fotostudio als Büro, Kreativort und Treffpunkt für Fotografie-Liebhaber. Ich fotografiere Reportagen und Portraits. Überwiegend von Künstlern und Marken. Hinweis: Dieser Blog wird klimaneutral in Deutschland gehostet.

2 Gedanken zu „Wie ich eigentlich auf die Idee zu „Auf ein Kölsch“ gekommen bin?“

  1. Oh Gott, wie lange habe ich nicht mehr auf einem Blog kommentiert? Jahre? Egal. Ich freue mich, dass du dein altes Projekt wieder aufnimmst. Bei mir hat es sich über die Jahre von 101 Helden zu Leipziger Bettgeschichten und heute zu „Herzkampf“ entwickelt. Obwohl es immer sehr hart ist, ein Projekt „abzuschließen“. Nach deinem Beitrag hätte ich wieder Bock 101 Helden neu aufleben zu lassen. Aber ich glaube erst im Jahr 2025. 15 Jahre nach dem Start von 101 Helden, wäre sicher ein guter Zeitpunkt.

  2. Haha, dann war es mal wieder Zeit, Martin! Allerdings, verfolge alle Projekte fleissig und Herzkampf hat ja in allen Belangen nochmal eine Schüppe drauf gelegt. Ich bin gespannt, wo Deine Reise hingeht. Verfolge sie aber sehr gerne 🙂

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